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Zur Vollversion dieser Seite im Forum von Philippinenportal: Das Sari-Sari Syndrom
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Kuya Ermano
Eine ganz besondere Eigenschaft der philippinischen Menschen ist das (von mir!) so genannte Sari-Sari Syndrom!
Jemand mit ein bischen Unternehmungsgeist richtet da hinter einem nach der Straße gerichteten vergitterten Fenster seines Hauses einen kleinen Sari-Sari Laden ein, mit Sardinen und Zigaretten, ein paar Kartoffel und Knoblauch und noch ein paar Süßigkeiten für die Kinder. Die ganze Nachbarschaft freut sich, daß sie jetzt diese Sardinen und Zigaretten gleich nebenan kaufen können und das Geschäft floriert.

Aber schon wenige Wochen später, denken einer nach dem anderen der Nachbarn: Was der kann, kann ich auch! Und bevor du dich verschaust, findest du im ganzen Ortsteil in jedem Haus ein vergittertes Fenster, hinter dem Sardinen, Zigaretten und Kaugummi aufgebaut sind und auf einen Käufer warten! Natürlich wird da nicht mehr viel verkauft und die Leute verdienen nicht einmal mehr so viel, daß sie damit ihr Fahrgeld zum Markt bezahlen könnten. Da essen sie dann ihre Sardinen selber und kurz darauf verschwinden diese ganzen Mini-Läden wieder. Mit viel Glück bleibt der, der damit angefangen hat, übrig und verdient wieder genug!

Dieses Sari-Sari Syndrom ist prägend für das ganze Leben der Filippinos. Oft wird das von Ausländern verwechselt mit Neid auf den Erfolg von anderen. Tatsächlich aber ist das nur zurückzuführen auf ihr angeborenes Bestreben, alles was sie für gut finden, nachzuahmen! Selbst bei der Berufsauswahl schlägt sich das nieder. Wenn ein Beruf gute Erfolge verzeichnet, dann wollen plötzlich alle diesen Beruf ergreifen, wie wir es bei Krankenschwestern reichlich erlebt haben. Oder, ganz ehrlich, nachdem einige Filippinas einen guten deutschen Ehemann gefunden hatten, wollten plötzlich viele auch einen solchen!

Sogar in anderen Ländern, wie in unserem Fall in Deutschland, finden wir dieses Sari-Sari Syndrom wieder! Vor ca. 25 Jahren, als es noch wenige Filipinas (es waren fast nur Frauen!) in Deutschland gab, da schlossen die sich mit ihren Ehemännern zusammen zu deutsch-philippinischen Organisationen, um gelegentlich einmal wieder bei deren Veranstaltungen in diesem für sie so kalten Land richtig los legen zu können in ihrer philippinischen Muttersprache. Das war ein Geschnatter und die Backen glühten und alle fühlten sich wohl und freuten sich schon auf die nächste Zusammenkunft.

Aber dann kam wieder das Sari-Sari Syndrom! So wie die Filippinas mehr wurden, beschlossen mehr und mehr, ihren eigenen Verein zu gründen, so daß wir heute dort in Deutschland solche Vereine schon in jedem Dorf finden, Vereine, die oft nur 5-10 Mitglieder haben. Wirklichen Erfolg, wie in der Anfangszeit, hat fast keiner mehr. Gemeinsam waren sie stark; jetzt interessiert sich schon niemand mehr für sie.

Das ging (und geht?) aber noch weiter, wie jeder selbst sehen kann. Zum Anfang sind wir dort in Deutschland mehrere hundert Kilomenter gefahren, um in einem Asia-Geschäft philippinische Lebensmittel für unsere Frauen zu kaufen. Schon kurz darauf wurden diese Läden mehr und mehr, bis dann schon für 10 Filippinas ein Laden bereit stand. Selbst auf diesen Vereinsveranstaltungen wurden auf vielen Tischen Glasnudeln und Reiskocher, Trockenfische und Thailandreis angeboten. Viele haben versucht, Flugtickets oder den Service von Balikbayan-Paketen anzubieten, aber es waren einfach zu viele und verdient haben da schon bald die Meisten nichts mehr bis einer nach dem anderen wieder aufgab.

Wenn man sich aber erst einmal im Klaren ist über dieses Sari-Sari Syndrom, da kommt dann doch eine Zeit, wo man diese Eigeschaft der Filippinos wieder als eine eigentlich liebenswerte Eigenschaft empfindet, die uns doch auch wieder das Leben ein bischen leichter macht. Du möchtest Avon oder Sandalen, T-Shirts oder Kokosnüsse, du findest immer jemand in deiner Nachbarschaft, der sowas verkauft! Oder gar, du sitzt gerade abends um 10:30 Uhr bei einem spannenden Film vor dem Fernseher und hast kein Bier mehr? Auch wenn die Leute dort schon schlafen, im nächsten Sari-Sari Laden bekommst du immer noch dein Bier!
wbethge
Sari-Sari Stores

Im Hinblick auf die merkantile Grundorientierung und Verkaufslust der Filipinos formulierte der Publizist Regalario einmal: „Gib einem Filipino tausend Pesos und er wird wahrscheinlich diese Summe als Startkapital für ein kleines Einzelhandelsgeschäft nutzen.“ Und ein Blick in eine typische Strasse eines Barangays will ihm recht geben. Mit nur wenigen Unterbrechungen reiht sich ein Sari-Sari Store an den anderen. Man gewinnt den Eindruck, jedes Haus ist oder hat einen kleinen Straßenladen - die Philippinen als Ansammlung kleinster Mikro-Unternehmen. Sari-Sari-Stores, die oft winzigen Nachbarschaftsläden, gehören - wie der [acronym:bcac5f5ca9="Philippinisches Transportmittel: Eine Art Jeep zur Personenbeförderung."]Jeepney[/acronym:bcac5f5ca9], der Barong oder die Sampaguita-Girlanden - mit zum landestypischen Inventar. Sie verschaffen dem Filipino das kleine, oft bitterlich notwendige Nebeneinkommen.

Häufig handelt es sich um kleine hölzerne Buden mit überdimensionierten Reklameschildern und eng geschnittenem Verkaufsfenster, aus dem der Verkäufer späht. Blickt man durch das Verkaufsfenster nimmt man im Halbdunkel die oft säuberlich gestapelte Ware wahr. Verkauft werden Dinge des täglichen Bedarfs: Reis, Salz, Zucker, Konserven, kalorienreiche Süßigkeiten, Reinigungsmittel, Batterien, Shampoo oder Bohnerwachs. Softdrinks und sicherlich auch Bier und Gin gehören zu den Hauptumsatzträgern. Dass Kosmetika höhere Gewinne abwerfen und deshalb besonders exponiert werden, gehört mittlerweile zur Verkaufsstrategie auch der kleinsten Händler. Obst und Gemüse können hinzukommen, insbesondere wenn sich in der Nähe kein „Wet Market“ mit Frischprodukten befindet. Nicht wenige Kunden kaufen zur Verwunderung des westlichen Beobachters auch einzelne Zigaretten. Sandalen können als „Aktionsware“ im Sonderangebot sein. Manchmal ist auch das Warenangebot vordergründig ausgedünnt, um die Besteuerung durch offizielle und inoffizielle Autoritäten zu mindern. Insgesamt hat man jedoch – zumindest in den kleinen Dörfern – den Eindruck, dass die Diversifikation der Verkaufsprodukte sich bei weitgehend identischem Grundsortiment trotz starkem Konkurrenzdruck in Grenzen hält.

Sari-Sari Shops haben eine wichtige soziale Funktion im Alltagsleben. Man tauscht Neuigkeiten und Klatsch aus, kommt auf einen Schwatz. Am Vormittag vielleicht eher Frauen und Kinder, die am Rock der Mutter Hängen und um Süßigkeiten quengeln. Später die Schüler, die sich für ihr kleines Taschengeld eine Cola oder ein Comic kaufen. Abends die Männer, die sich auf Behelfsbänken rauchend ihren Frust mit Bier oder Ginebra herunterspülen oder eine Zerstreuung suchen. Bei Geschäftsschluss wird der Laden in der Regel gut abgesichert, denn man weiß ja nie ......


Es handelt sich meistens um Familiengeschäfte, die bis spät in den Abend verkaufen. Eingekauft wird bei dem oft chinesischstämmigen „Whole-Saler“ (Großhändler) gegebenenfalls auch in den Supermärkten der Großstadt. Ein wichtiger Grundsatz beim Absatz ist: Aus groß mach klein – der Sack Zucker wird in viele, viele kleine Plastiktütchen aufgeteilt. Ein guter Teil der Tagesbeschäftigung des Verkäufers oder der Verkäuferin besteht deshalb im Umfüllen, Zählen und Wiegen der Ware. Diese Verkaufsstrategie erhöht den Gewinn des Händlers und ist - wunderbare Welt des Handels – kurzfristig für den Käufer billiger.

Nun gibt es unter den Käufern in der Regel auch immer arme Schlucker, die in Ermangelung von Geld um Anschreiben bitten. Ein schlafraubendes Kardinalproblem für den kleinen Sari-Sari Shop-Inhaber ist deshalb: Gewähre ich Kredit und wenn ja wem, wie viel in welcher Zeit? Zwar versuchen sich viele Inhaber vor dieser Frage zu schützen, indem sie „No Credit“– Hinweisschilder demonstrativ aufstellen. Gewähren sie jedoch keinen Kredit, wandern die Kunden ab - geben sie zuviel Kredit, sieht man vielleicht den Kunden nicht wieder. Allen Hinweisschildern zum Trotz fungieren Sari-Sari-Shops in vielen Barangays als Kleinkreditgeber.

Die Nielsen-Company (1)schätzte die Zahl der Sari-Sari Stores im Jahre 2000 auf über 430.000. Sollte diese Zahl annähernd richtig sein, dann würde dies bedeuten, dass auf rund 26 Haushalte ein Sari-Sari-Store kommt. Selbst im Geschäfts– und Verwaltungsviertel von Makati wurden 1997 3500 Sari-Sari Stores gezählt. Skepsis gegenüber den ausgewiesenen Zahlen ist jedoch grundsätzlich angebracht. Zum Beispiel wies der NSO-Census (2) für 1975 rund 750.000 Sari-Sari Stores aus, die dann - aus welchen Gründen auch immer - 1996 auf 100.000 gefallen waren. Eine Ursache für diesen Zahlen-Wirrwarr kann sein, dass immer noch Teile des Sari-Sari Handels dem Schwarzmarkt oder der Untergrundwirtschaft zuzuordnen sind. So wurde 1996 geschätzt, dass das inoffizielle Bruttosozialprodukt rund 30 – 40 Prozent höher als das offizielle Bruttosozialprodukt liegt. Wer seinen Handel nicht angemeldet hat, bleibt wahrscheinlich trotz forciertem Anmeldedruck vom Fiskus verschont.

1994 ging man davon aus, dass die Sari-Sari-Stores rund achtzig Prozent der Einzelhandelsgeschäfte darstellen, aber nur 12,4 % der Konsumausgaben vereinnahmen. Über die Hälfte der Konsumausgaben entfielen auf die Supermarkets.

Die oben zitierten Nielsen-Daten unterstellen sogar, dass sich die Zahl der Sari-Sari Stores von 1997 auf 2000 um 88 % erhöht hat. Diese Zahlen stehen damit im Gegensatz zur Entwicklung in den meisten westlichen Ländern (starker Rückgang der Tante Emma-Läden), aber auch zu manchen Bekundungen auf den Philippinen und überraschen. Denn man könnte ja mit Fug und Recht annehmen, dass bei gestiegner Bevölkerungsmobilität und höheren Haushaltseinkommen die ungleich größeren und attraktiveren Shopping-Malles (der Robinsons, Sys, Gokongas oder Ayalas), der Supermarkets und Department Stores in den Groß- und Mittelstädten ihre Preis- und Angebotsvorteile ausspielen und die Kunden von den Sari-Saris in beachtlichem Umfang abziehen. Warum dem nicht so ist, gehört für den Verfasser noch zu dem Hort der unerklärlicher Geheimnisse der Statistik.

© Wolfgang Bethge, in 2003



(1) zitiert nach: Gladys de Veyra, AC Nielsen Philippines, The Philippine Retail Trade in the Midst of Global Changes, unter http:// www.ecrphils.com/2nd%20ECR%20Conference/DAY_1/Phil_Retail_Trade1.PDF

(2) zitiert nach: The Economist Newspaper, 1996, Retailing in the Philippines, http://huaren.org/diaspora/asia/philippines/doc/ 042298.html
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